Andreas Ebenhöh - Experte für Unternehmenskultur und Leadership

Altersarmut ist ein Armutszeugnis!

Altersarmut ist ein Armutszeugnis!

41 Jahre war sie mit Ihrem Mann Jörg verheiratet, bis dieser sich mit 65 Jahren noch einmal verliebt hat. Jörg machte Nägel mit Köpfen und lies sich nach dem Trennungsjahr von Anna Marie scheiden. Er zog aus dem gemeinsamen, wunderschön restaurierten Bauernhaus in die kleine Wohnung seiner neuen Lebensgefährtin. Anna Marie hat in den darauffolgenden Monaten große Schwierigkeiten, sich zurecht zu finden. Versicherungen, Behördengänge oder auch Handwerkerarbeiten am alten Haus…darum hatte sich doch bisher immer ihr Mann Jörg gekümmert. Jörg lehnte jeden Kontakt ab und hatte kein Interesse, Anna Marie mit dem Haus oder auch dem großen Garten zu helfen. Somit beschloss Anna Marie, Ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen!

37 Jahre zuvor!
Jörg und Anna Marie bekamen im Sommer 1978 Ihr erstes Kind. Luisa, ein aufgewecktes und einfühlsames Mädchen. Zwei Jahre später erblickte Paul das Licht der Welt und kaum 1,5 Jahre danach wurde Sofia geboren. Jörg und Anna Marie sprachen bereits bei Luisas Geburt über die Aufgaben in der Familie und einigten sich darauf, dass Jörg Vollzeit arbeiten werde, während Anna Marie die drei wundervollen Kinder großzieht. Während die Jahre verstrichen und die Kinder von der Grundschule in die weiterführenden Schulen wechselten, bekräftigte Jörg seine Frau immer wieder darin, sich ganz den Kindern und dem Haushalt verschreiben zu können. Er genieße diese Aufgabenverteilung in der Familie und auch Anna Marie war sehr glücklich mit Ihren wertvollen Aufgaben als Mutter und Hausfrau.

Die Kinder entwuchsen der Schule. Luisa machte eine Lehre zur Gärtnerin, Paul studierte Architektur und Sofia begann Ihre Ausbildung zur Hebamme. Anna Marie begann Nähkurse zu geben, absolvierte eine Weiterbildung für Psychomotorik und engagierte sich im Heimatverein. Einmal in der Woche half Anna Marie ehrenamtlich bei der Tafel und erfüllte im örtlichen Kindergarten die abenteuerliche Rolle als Lesetante. Für die Kinder und die Erzieherinnen war Anna Marie ein Segen. Auch die alten Herrschaften des nahegelegenen Altenheims erlebten durch Anna Maries monatlichen Singkreis große Freude.

Luisa eröffnete 5 Jahre später ihre eigene Gärtnerei, mit 4 Angestellten. Paul war Mitglied eines Architektenteams zum Bau öffentlicher Einrichtungen. Sofia wurde Hebamme aus Leidenschaft und leitete später die Geburtenstation im Krankenhaus. Die Kinder heirateten, gründeten selbst Familie und investierten in die Zukunft. Die Familienfeste waren wundervoll und zu sehen, wie die eigenen Kinder wuchsen und gediehen war das kostbarste Geschenk für Anna Marie und Jörg.

Nach der Scheidung verkaufte Anna Marie das Haus, da sie die laufenden Kosten von der anteiligen Rente ihres Exmannes nicht bezahlen konnte. Mit dem Antrag auf Grundsicherung verlor sie auch ihr Auto und damit die Möglichkeit, selbstständig einkaufen zu fahren, bzw. ihre Kinder zu besuchen. Die Ämter gewährleisteten Anna Marie mit der Grundsicherung das Überleben, mehr jedoch nicht. In den 80er Jahren stärkte die Politik noch die Frauen in ihrer Rolle als Mutter und nun…? Nun gehören Menschen wie Anna Marie zu den Verlierern einer Sozialpolitik, die wohl vergessen hat, was Anna Marie und all die Mütter da draußen geleistet haben und noch immer leisten. Ihre drei erwachsenen Kinder bescheren dem Staat monatliche Steuereinnahmen im Wert von mehreren tausend Euro. Der Generationenvertrag wird fortgeführt und durch die Ehrenämter und das soziale Engagement leistet Anna Marie einen unschätzbaren, ja unbezahlbaren gesellschaftlichen Beitrag. Dieser kostbare Beitrag zum Wachstum und Wohle unseres Landes ist dem Staat gerade mal die Grundsicherung und damit das Leben in Altersarmut wert!

Anna Marie war eine starke, engagierte und lebenslustige Frau, eine leidenschaftliche Mutter, hingebungsvolle Ehefrau und eine stille Heldin unserer Gesellschaft! Eine von Millionen Heldinnen, die in stillen Moment das Rückrat dieses wunderbaren Landes bilden. Es sind menschliche Werte, die Wachstum und Wohlstand einer Gemeinschaft bilden und daher wird es Zeit, Menschen wie Anna Marie mit finanzieller und sozialer Sicherheit zur Seite zu stehen…getreu dem Motto: Einer für alle, alle für einen!

Anna Marie starb im Januar 2018. Es schneite und Ihre Kinder und Enkel begleiteten Sie auf dieser Reise.