Andreas Ebenhöh - Experte für Unternehmenskultur und Leadership

Die armen Kinder von heute, sind unsere Putzkräfte von Morgen!

Die armen Kinder von heute, sind unsere Putzkräfte von Morgen!

Marie ist 6 Jahre alt und besucht die örtliche Grundschule. Ihr Bruder Jonas ist zwei und geht vormittags in die Krippe. Vater Anton Sonnenberg arbeitet als Paketzusteller und Mama Anna Sonnenberg auf Teilzeitbasis in einer Bäckerei. Anton verdient 1.560 Euro netto (incl. Kindergeld) und Anna ca. 510,- Euro. Das macht 2.070 Euro netto im Monat! Die Familie wohnt in einer 3 Zimmerwohnung nahe Frankfurt und zahlt 890,- Miete. Die Krippe für Jonas kostet 260,- Euro und Papa Anton zahlt monatlich noch einmal ca. 150,- Euro für das Auto (Benzin + Steuern). Für die Riester-Rente, die Hausrat-, Haftpflicht-, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung bezahlt die Familie ca. 290,- Euro im Monat. Die Kosten für Lebensmittel, Windeln und Pflegeprodukten betragen ca. 280 Euro monatlich. Strom, Gas und Telefon belaufen sich auf ca. 160,- Euro im Monat.

Die monatlichen Ausgaben der Familie Sonnenberg liegen somit bei 2.030,- Euro! Bleiben 40,- Euro!

Familie Sonnenberg liegt somit über der Einkommensgrenze für staatliche Unterstützung wie etwa Bildung und Teilhabe, bzw. auf das 2011 verabschiedete Bildungspaket (Chancengleichheit für Kinder)! Vater Anton hat daher nicht nur die wiederkehrenden Sorgen, dass die Waschmaschine oder auch das Auto kaputtgeht, sondern dass er seinen Kindern nicht die Erfahrungswerte bieten kann, die er sich für sie wünscht. Mama und Marie erzählen sich abends oft Geschichten über Dinge, die sie gerne mal erleben möchten. Bücher in einer Buchhandlung kaufen, ein Musical oder einen Themenpark besuchen, regelmäßige Schwimmbadbesuche mit der Familie oder ein Besuch im Restaurant. Fleisch beim Metzger und Brot beim Bäcker zu kaufen, auf den Wochenmarkt gehen oder Bio-Lebensmittel kaufen,…das wäre phantastisch!

Marie kann dank des Fördervereins der Grundschule nun doch am Tagesausflug teilnehmen und Anton nimmt in diesem Jahr schon das 4. Mal Antibiotikum (wird von der KK bezahlt), da sich Familie Sonnenberg keine pflanzlichen Medikamente (werden NICHT von der KK bezahlt) leisten kann. Anna spielt manchmal mit dem Gedanken, die Kinder bis 18 Uhr betreuen zu lassen, denn so könnte sie Vollzeit arbeiten und mehr verdienen, jedoch verwirft sie den Gedanken schnell, wenn ihr dabei die Tränen kommen. Anton überlegt, ob er abends einen Zweitjob annehmen soll…auch wenn er die Kinder dann gar nicht mehr zu Gesicht bekäme.

Das ist die Stelle, an dem die Leser des Artikels noch weitere Ungerechtigkeiten und Stolpersteine, Bildungsnachteile und Ängste aufzählen könnten! Auch psychologisch und soziologisch können wir uns ausmalen, welche sozialen Folgen solche Lebensmodelle haben können. Selbst wenn die Grundwerte einer Familie, trotz der finanziellen Grenzen, unerschütterlich sind, so leiden sie doch unter der Chancenungleichheit unserer wirtschaftlichen und bildungspolitischen Systeme. Diese Ängste und die von Erschöpfung und Druck verursachte Frustration, sind nicht nur prägend für die Erziehungsprozesse der Kinder, sondern auch Auslöser für seelische und körperliche Krankheiten.

Ich wünsche mir, dass alle Kinder unseres Landes Musicals und Museen, Schwimmbäder und Themenparks besuchen können. Ich wünsche mir, dass Kinder sich im Kino einen Film anschauen können, medizinisch optimal versorgt werden und ausreichend Familienzeit haben. Ich wünsche mir, dass die Pflege und Erziehung unserer Kinder von keiner Einkommensgrenze oder sonstigen kategorischen Grenzwerten abhängig ist! Es wird Zeit für ein soziales Bildungspaket, dass unseren Kindern unabhängig von kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Positionen echte Chancengleichheit garantiert! Es darf nicht den Anschein haben, als wäre es wirtschaftspolitisch erwünscht ein solides Fundament armer oder ungebildeter Menschen zu haben, damit am Ende noch jemand da ist, der unsere Toiletten an den Raststätten unseres Reichtums putzt!

Post scriptum: Nichts liegt mir ferner, als unsere Reinigungskräfte mit diesem Artikel zu beschämen. Es sind nicht die Jobs, die uns ausgrenzen und diskriminieren, sondern die Werturteile der Menschen. Gleichwertigkeit ist eine soziale Meisterleistung, die selten dort anzutreffend ist, wo Geld und Status, Macht und Hass, Scham und Habgier die treibenden Kräfte sind!